Msgr. Franz Wilfinger und Susanne Kopeszki

e-mail

Startseite Franz Wilfinger Artikel Vorträge-Veranstaltungen Susanne Kopeszki Rundbriefartikel Rezepte Verschiedenes Berufsgemeinschaft-Phh

Rundbrief 2/2009 Sehen - eine Kunst
Sehen - eine Kunst Wie selbstverständlich nehmen wir die Tatsache dass wir sehen können. Wir können hell und dunkel und die Vielzahl der Farben unterscheiden. Wir können weit entfernte Dinge erkennen, aber auch in der Nähe scharf sehen. Wir registrieren Umrisse und Formen, Bewegliches und Unbewegliches. Mit den Augen tasten wir unsere Umgebung ab, versuchen sie zu ordnen, in Beziehung zu uns zu bringen.
Welch ein Wunderwerk das Auge ist, ist uns selten bewusst. Erst wenn eine Störung auftritt, durch Krankheit, Unfall oder Alter, dann wird uns klar, wie sehr dadurch auch unsere mitmenschlichen Beziehungen beeinträchtigt werden.

Vor etwa drei Jahren begann es in meinem Auge zu blitzen und es wurden Risse in der Netzhaut festgestellt, eine Vorstufe einer Netzhautablösung, die zur Erblindung führen kann. Der Kommentar der Ärzte, dass es sich um eine "altersgemäße Degeneration" handelte, war kein Trost. Aber dank der modernen Medizin konnten die Risse mit Laser geklebt werden und eine Brille ermöglicht es mir, in der Ferne und Nähe wieder scharf zu sehen, lesen zu können und die Menschen auf der Straße zu erkennen. Die Operation des Grauen Stars wird heute auch schon ambulant gemacht und bringt auch vielen Menschen im höheren Alter eine gute Sicht zurück.

Jede von uns kann sich auch im Dunkeln in einer bekannten Umgebung zurechtfinden, aber wie es ist, nicht zu sehen, das können wir uns kaum vorstellen. Sehen hat aber auch eine Auswirkung auf das Gleichgewicht. Mit geschlossenen Augen stehen wir viel unsicherer. Das kennt jede vom Spiel "blinde Kuh".

Unsere Zeit ist sehr von Bildern geprägt. Überall finden sich Plakate und es wird mit Bildern geworben. Das Fernsehen lässt uns ferne Länder und Menschen sehen. Manchmal stürzen soviele Bilder auf uns ein, dass wir es fast verlernt haben richtig hinzusehen. Die Vielzahl der Bilder führt dazu, dass wir nur mehr flüchtig schauen.

Sehen und sehen ist nicht dasselbe. Sehen ist eine Fähigkeit und eine Fertigkeit zugleich. Mit dem Sehen und dem Gesehenen verbinden sich bestimmte Gefühle - der Freude oder des Schmerzes, der Zustimmung oder Ablehnung. Unsere Augen lernen auf die Umwelt zu reagieren. -sie wählen aus, erschließen eine Welt und bauen sie auf.
Vieles in unserem Sprachgebrauch deutet darauf hin wie wichtig das Sehen ist: Wir werfen einen Blick auf etwas, warten einen Augenblick, gewinnen Einsicht, genießen die Aussicht, wenn wir jemanden ansehen, dann gewinnt er Ansehen, Kinder werden aufgefordert beim Grüßen den anderen anzuschauen, wir senken den Blick, wenn wir unsicher sind, bauen einen Blickkontakt auf Wir empfinden es als Missachtung wenn jemand bei einem Gespräch wegschaut oder die Augen schließt. Wir sprechen von Weltanschauung, .......
Zum Sehen gehört auch das Sehen-wollen. Wir müssen uns dazu bewusst entscheiden und aufmachen. Wie schnell und leicht können wir etwas übersehen oder nur halb sehen. Jede hat ihre eigenen Sehgewohnheiten.
Der Vorgang des Sehens gleicht dem Wunder der Schöpfung. Es ist das Auge, durch das wir das Licht empfangen. Darin wiederholt sich gleichsam das Geschehen des Anfangs, das "Es werde Licht" und die Trennung von Licht und Finsternis, Ordnung und Chaos in uns und um uns.
Unser Auge "sieht" mehr, weiter und tiefer, es vermag zu schauen. Es bleibt bei dem, was es wahrnimmt, nicht stehen, es sieht nicht nur, es schaut an und schaut durch, es betrachtet und verweilt bei dem, was es sieht. Dabei kommt es zu einer Begegnung, einem Gespräch. Erst dadurch fängt das Gesehene für den Betrachter an zu existieren, für ihn da zu sein. Wir schauen gleichsam mit dem Herzen. Die Auswahl prägt und verändert den Menschen.
Es gibt Augen, die wie Sterne leuchten, Augen, die sich verdunkeln, die hassen, verletzen und töten können, aber auch Liebe, Freude und Dankbarkeit ausstrahlen. Augen werden auch als Spiegelbilder der Seele bezeichnet.
sehen und blind-sein in der Bibel Gott ist es der Licht in unsere Welt bringt. Letztlich ist er das Licht (vgl. Joh 1) Auch das menschlichen Bild des Sehens wird symbolisch auf Gott übertragen, wenn die biblischen Erzähler sagen "Gott sieht". Das Schöpfungslied spricht davon, dass Gott sah, dass alles gut war, was er gemacht hat. Vom Menschen heißt es sogar "es war sehr gut". Gott sieht aber auch die Not seines Volkes in Ägypten und führt es durch Mose hinaus.
Bei der Wahl des Königs David wird unterstrichen, dass Gott anders sieht als die Menschen: Gott schaut nicht auf das Äußere, er schaut auf das Herz. Nicht Größe, Stärke und Ansehen sind ausschlaggebend. Kleine und Schwache, die auf Gott vertrauen, werden berufen.
Jesus sieht die Menschen in einer ganz besonderen Weise an, er sieht, was sie brauchen, was ihnen gut tut - und so heilt er sie. Blinde werden zu Sehenden, sie erkennen, was für ihr Leben wirklich wichtig ist und folgen ihm nach.
  In den Ostererzählungen geht es immer wieder darum, dass sich Jesus sehen lässt. Maria von Magdala, sieht in ihm den Gärtner und erkennt ihn dann als den Meister. Die Jünger sehen ihn und meinen einen Geist zu sehen. Durch Berühren kommen sie zur Erkenntnis und Einsicht. Die Emmausjünger sehen nur einen Begleiter. sind wie mit Blindheit geschlagen, erkennen ihn aber damit an der Geste des Brotbrechens. Da gehen ihnen die Augen auf und sie werden zu Verkündern der Auferstehung.

Auch wir können ihn in diesen Zeichen sehen. Thomas von Aquin formuliert das so:

Augen Mund und Hände täuschen sich in dir. doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.
Was Gott Sohn gesprochen. nehm ich glaubend an; er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.
Einst am Kreuz verhüllte sieh der Gottheit Glanz. hier ist auch verborgen deine Menschheit ganz.
Beide sieht mein Glaube in dem Brote hier; wie der Schächer ruf ich, Herr, um Gnad zu dir.
Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot, bet ich dennoch gläubig: "Du mein Herr und Gott!"
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein, fester lass die Hoffung, treu die Liebe sein. GL 546, 2-4

  Auch wenn es in unserem Leben und Glauben immer wieder Dunkelheit und Krisen gibt, sollten wir die Erfahrungen der Nähe Gottes nicht übersehen - "Meine Augen haben das Heil gesehen". (Lk 2,30) Die Verheißung gilt auch uns: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Joh 20,29) und so hoffen wir, dass "wir ihn sehen werden, wie er ist". (1Joh 3,2)
  Susanne Kopeszki (RB der ED Wien 2/09)