Msgr. Franz Wilfinger und Susanne Kopeszki

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Rundbrief 2/2010 Geschmacksinn
  Der Geschmack scheint zu den Sinnen zu gehören, die eher stiefmütterlich behandelt werden. Einige Redewendungen und Beobachtungen erinnern an den Umfassenden Sinn. Schon die Lateiner waren der Überzeugung, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt. Es ist nicht immer einfach auf den Geschmack einer Sache zu kommen, an etwas wirklich Geschmack zu finden, oder ihm Geschmack abzugewinnen; noch schwieriger kann es werden, jemanden auf den Geschmack einer Sache zu bringen. So versteht man die Empfehlung: Jede/r nach seinem Geschmack. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich so verschieden wie die Menschen. Alles, was schmeckt, schmeckt nach mehr. Es ist kein Kompliment, wenn man sagt: jemand leidet an Geschmacksverirrung.
  Obwohl also der Geschmack etwas sehr persönliches ist, kann man ihn trotzdem bilden, verfeinern und entfalten.
  Wenn vom Schmecken und Geschmack die Rede ist, denken die meisten wohl zunächst an Essen und Trinken. Dabei ist immer der ganze Mensch mit allen Sinnen beteiligt und kaum jemand bedenkt, wie kompliziert der Vorgang des Schmeckens ist.
  Anders als bei den Gerüchen können wir nur vier unterschiedliche Geschmacksempfindungen unterscheiden - salzig, sauer, bitter, süß - aber viele Kombinationen. Dafür sind circa 17000 Geschmacksknospen auf der Zunge und in der Mundhöhle zuständig. Ob etwas aber schmeckt, hängt aber von vielen Faktoren ab. Z.B. Farbe, Temperatur, Geruch, Form Erinnerungsvermögen; vieles muss zusammenspielen. Es gibt dazu genügend Versuche wie schwer es ist etwas "blind" zu verkosten, oder Menschen, die ganz heftig ablehnen, wenn ihnen "Bienenkotze" angeboten wird. Obwohl sie Honig gerne essen. Auch Schokopudding, der aussieht wie ein Hundewürstchen wird nicht angerührt. Bei einem Urwald-Überlebenstraining werden Maden und Heuschrecken gegessen - für kaum eine von uns eine Verlockung, obwohl sie angeblich wie Erdnüsse schmecken sollen und Eingeborenen solche Köstlichkeiten lieben.
  In einem Bereich hat der Geschmack das unumschränkte Sagen - in der bildenden Kunst und der Musik. Hier wird der Geschmack als eine Fähigkeit zu empfinden und zu urteilen begriffen, die sich auf das Fühlen oder Wahrnehmen gründet und der Erkenntnis des Wahren, Schönen und Guten dient. Der Geschmacksinn hinterlässt einen Eindruck in uns - den Nachgeschmack. Die Qualität des Lebens ist auch davon bestimmt, ob es uns "schmeckt". Geschmacksfragen sind Lebensfragen, Geschmackserfahrungen Lebenserfahrungen. Jedes Ding besitzt nicht nur seine Farbe und seine Melodie, sondern auch seinen unverwechselbaren Geschmack.
Gott, wie köstlich ist deine Huld Für die Menschen der Bibel war es gar keine Frage, dass seine Beziehung zu Gott auch entscheidend mit seinem Geschmack zu tun hat. Die Vergleiche sind nicht bloß Bilder, sondern spiegeln Erfahrungen aus der Begegnung mit Gott, seinem Werk und Wort wider. Wem Heil widerfährt, der findet zugleich Geschmack an Gott und Gottes Welt. Die Psalmen wissen um die Kostbarkeit der Verheißungen und Urteile Gottes, die süßer sind als Honig. (Ps 19,11 ff; 36,8; 119,103;) In den Worten "Kostet und seht, wie gütig der Herr ist!" (Ps 34,9) fordert er geradezu zur "schmeckenden" Erfahrung Gottes auf. Schon auf der Wüstenwanderung haben die Israeliten das Manna verkostet, das wie Honigkuchen schmeckte. Salomo preist es in seinem Gebet als Zeichen der zarten Liebe Gottes zu seinen Kindern (Weish 16,20 f).
  Der Prophet Ezechiel wird aufgefordert das Wort Gottes zu verkünden. Er soll die Buchrolle zu essen, sich sozusagen Gottes Wort einzuverleiben und dann zu verkünden. In seinem Mund wir die Buchrolle süß wie Honig. (Ez 2,8: 3,3)
  Die Endzeit schildert Jesaja ein Gastmahl des Herrn für alle Völker mit köstlichen Speisen und besten Weinen. (Jes 25,6) Auch Jesus bezieht sich auf dieses Bild vom Mahl. Schließlich gibt er sich im Brot selbst als Speise. Glaube und Frömmigkeit wenden sich nicht nur an den Verstand, an die Erkenntnis, sondern an den ganzen Menschen. Es gibt einen inneren Weg mit geistlichen Erfahrungen. Mit Ausdrücken wie Lieblichkeit, Süßigkeit und Verkosten versucht man die Erfahrung der Begegnung und Vereinigung zu beschreiben.
  Im Hymnus von Thomas von Aquin lautete die 2. Strophe früher: Gesicht, Gefühl, Geschmack betrügen sich in dir, doch das Gehör verleiht den sicheren Glauben mir. In der Version im Gotteslob heißt es: Augen Mund, und Hände täuschen sich in dir, doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir. Auch in der Antwort beim eucharistischen Segen hat es eine Veränderung gegeben: "Brot vom Himmel hast du uns gegeben, das alle Süßigkeit enthält" - so hieß es in der alten Form. Jetzt ist von Erquickung die Rede.
Als der eigentliche Lehrmeister des wahren und rechten Geschmacks am Glauben kann der hl. Geist gelten. Er ist von Haus aus der Geist, des Glaubens der uns auf den rechten und guten Geschmack des Glaubens zu bringen vermag. Er verleiht unserem Schmecken jene geistliche Qualität, die unser Wahrnehmungsvermögen des Glaubens bereichert. Ein mittelalterliches Pfingstbild zeigt die um den Tisch versammelte Pfingstgemeinde, in die der Geist die Gabe der Eucharistie bringt. Die von ihr ausgehenden Linie weisen genau auf den Mund jedes Teilnehmers. Das ist ein Hinweis auf die Verkündigung, aber auch auf den Genuss der eucharistischen Gabe als Geschenk des Geistes.
  "Gib, dass wir im Geist erkennen, was recht ist", in der ursprünglichen Fassung ist vom "Schmecken dessen, was recht ist" die Rede. Lass mich Geschmack finden am Glauben und andere auf den Geschmack bringen, dazu erbitte ich den Heiligen Geist mit der Fülle seiner Gaben für jede/n einzelne/n und für unsere Gemeinschaft.
  Susanne Kopeszki (RB der ED Wien 2/2010)