Msgr. Franz Wilfinger und Susanne Kopeszki

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Rundbrief 2/2016 Der barmherzige Vater und seine Söhne
Beim Einkehrtag in der Fastenzeit beschäftigten wir uns mit dem Jahresthema. Barmherzigkeit ist in der Bibel „DIE“ Eigenschaft Gottes. Im Buch Exodus wird so das Wesen Gottes beschrieben: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue.“ Ex 3,19. Diese Stelle wird einige Male im AT und NT zitiert.
Eine längere Zeit betrachteten wir das Bild von Rembrandt „der verlorene Sohn“. Versuchten es mit dem Gleichnis (Lk 15,11-32) zu verbinden. Wir erinnerten uns an die Exerzitien im November 2015 (RB 4/2015 S. 16) wo wir schon über die unterschiedlichen Hände des Vaters am Bild von Rembrandt gesprochen hatten. Es fiel uns wieder ein, dass das Wort Barmherzigkeit im Hebräischen mit dem Wort für „Mutterschoß“ in Verbindung steht. Aber wir überlegten auch, wo wir jede für sich auf diesem Bild zu finden seien und stellten uns die Frage: “In welcher der Personen sehe ich mich?“ Wir versuchten den jüngeren Sohn zu verstehen und ebenso den älteren.
Hilfe und eine ganz neue Sichtweise dieser Stelle fügte der Kommentar zum Lukasevangelium von Franz Josef Bode hinzu. („Heute erfüllt sich das Wort“, Herder Reihe bibel leben, S.90-98)
„Alles, was wir haben, ist Anteil aus dem Erbe des Vaters und nicht verdienter Besitz. Damit umzugehen, ist in unsere Freiheit gelegt, die Gott so sehr achtet, dass er uns damit auch in die Fremde gehen lässt. … Selbst wenn der Mensch auf den Hund kommt und bis zu den Schweinen gerät: das Bild des Freiheit gewährenden und mit dem Erbe beschenkenden Vaters wird dadurch nicht beschädigt oder gar zerstört. Dieses Bild zieht den jüngeren Sohn zurück zum Vater. Der Vater hat ihn nie aus dem Herzen verloren, hat auf ihn gewartet, eilt ihm entgegen, umarmt und küsst ihn. Kein Vorwurf, kein Erstaunen, keine Abrechnung, sondern nur Freude: Er ist wieder da“. So fällt es dem Sohn nicht schwer, seine Schuld auszusprechen und sich selbst dem Vater wieder zu überlassen mit all den Erfahrungen im Herzen, die er unterwegs gemacht hat. Solche Begegnung kann nur im Fest enden, weil sich zwei Menschen wieder gefunden haben, die letztlich einander nie ganz verloren hatten, obwohl die Trennung wie ein Tod in die Seele des Vaters geschnitten hat und die Rückkehr neues Leben bedeutet: „Mein Sohn war tot, und er lebt wieder!“
Jede Wiederbegegnung mit Gott nach einem lange entfremdeten Leben kann ein solches Freudenfest werden. Auch jede Begegnung im Bußsakrament, im Sakrament der Versöhnung, sollte genau das widerspiegeln: Ein Mensch erinnert sich der Güte Gottes, erfährt das Entgegenkommen Gottes durch die sakramentale Begegnung mit dem Priester, spricht alles aus, was ihn von Gott entfernt hat, hört das Wort der Vergebung und ist neu eingeladen zum Fest des Glaubens. Leider haben wir uns aus vielen Gründen um die Erfahrung dieses herausfordernden und zugleich freudig erleichternden Vorgangs gebracht. Das sollten wir einüben, im Alltag, vor allem am Abend, kurz innezuhalten, uns der Beziehung zum Vater bewusst zu werden und den Tag in liebender Aufmerksamkeit zu bedenken. „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und ihm alles sagen …..“.
Und noch eines enthält dieses unauslotbare Gleichnis: Hat der Vatergott nicht seinen eigenen Sohn, Jesus Christus, in die „Fremde“ gehen lassen – bis in die Abgründe des Menschen hinein?! Hat er ihn nicht zur Sünde werden lassen (vgl. 2Kor 5,21), damit er bei seiner Heimkehr zum Vater alle zu ihm bringe, die ins Abseits geraten sind?! Ist nicht der Sohn Gottes bis in die Höllen der Menschen hinab gestiegen, um sie von dort her zu erlösen und zum Vater heimzuführen?! Umso mehr ist die Rückkehr Auferstehung, und das „Fest“ ist die Feier des Todes und der Auferstehung in der Eucharistie!
Auch die Erfahrung des älteren Sohnes ist uns nur zu bekannt. Es ist die Versuchung der Daheimgebliebenen, die die Abgründigkeit und Entfremdung nie ganz durchmachen mussten, denen die Nähe des Vaters selbstverständlich geworden ist. Die Wiederannahme des Verlorenen, die festliche Freude über seine Heimkehr erzeugt Neid bei dem, für den ein solches Fest nie gefeiert wurde. Sind alle Bemühungen im geistlichen Leben, alles Bleiben in der Nähe Gottes, alles Aushalten des Alltags unter seinen Augen nichts wert gegenüber dieser Wende, die sich in einem Rückkehrer vollzieht, den vielleicht nur die Not und vielleicht gar nicht einmal die Liebe zurückgetrieben hat? Der Sünder wird belohnt, der Fromme bleibt unbeachtet? Der Ältere kann und will dieses Fest nicht mitfeiern. Er zweifelt an seinem eigenen Leben und an seinem Vater. „Er wollte nicht hineingehen“.
Und nun geschieht das Wichtigste: Der Vater kommt zu ihm heraus, er kommt ihm genauso entgegen wie dem anderen. Er redet ihm gut zu, nimmt die Vorwürfe des Sohnes entgegen und öffnet ihm die Augen für die Entfremdung, die auch im Herzen des Älteren stattgefunden hat. Entfremdung durch Selbstverständlichkeit, Gewohnheit, Routine, durch Erwartungshaltung, Verdienst-Denken; Entfremdung durch den Verlust des inneren Feuers in der Beziehung zum Vater. Du hast permanent das Fest meiner Nähe und Zuwendung, du genießt deine Freiheit im Schutz meines Hauses. Auch dich hätte ich ziehen lassen, aber nun ist dein Weg ein anderer. Nicht weniger wertvoll, aber auch nicht weniger bedürftig der Gnade und des Erbarmens angesichts einer unmerklich schleichenden Entfremdung, die mindestens so gefährlich ist wie das Ausschweifen des Jüngeren. Auch der ältere Sohn ist ein verlorener, den der Vater wiedergewinnen will durch Entgegenkommen, Zureden, Überzeugen.
Aber dann meint Jesus doch alle, die in Selbstverständlichkeit mit Gott umgehen. Alle, die sich des Reichtums der eigenen Berufung nicht mehr bewusst sind. Es ist wichtig und gut, wenn Gemeinden heute in der Hinführung Erwachsener zu Taufe und Firmung wirklich feiern, dass Menschen den Weg zu Christus und seiner Kirche (neu) finden. Kirche der Zukunft wird nur leben, wenn die „älteren“ Kinder des Vaters, die Daheimgebliebenen, einladend, offen und selbst umkehrbereit mit neuen Christen umgehen und ihnen Räume (nicht nur Räumlichkeiten) bieten, in denen sie nach dem ersten Fest ihr Christsein vertiefen können, es mehr und mehr in die Praxis umsetzen können. Mögen sie nicht auf arrogante Besserwisser, sondern auf bescheidene, behutsame, achtsame Mitchristen stoßen, die sich der Gnade dieser Situation bewusst sind!
Die Werke der Barmherzigkeit Im zweiten großen Teil des Einkehrtages beschäftigten wir uns mit den Werken der Barmherzigkeit. Für die leiblichen fanden wir im Matthäusevangelium 25, 31-46, im Weltgericht, die passende Stelle. Die Überraschung besteht darin, dass wir in den Liebeswerken dem Menschensohn, damit letztlich Gott, begegnen.
Schon seit dem Mittelalter zählt man - in Abgrenzung zur Barmherzigkeit Gottes – die sieben Werke der Barmherzigkeit auf. Sie werden den sieben Todsünden gegenüber gestellt. (Stolz, Neid, Zorn, Geiz, Unmäßigkeit, Unkeuschheit und Trägheit des Herzens). Der Kalvarienberg in Hernals geht genau darauf ein.
Den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit:
Die Hungrigen speisen.
Den Dürstenden zu trinken geben.
Die Nackten bekleiden.
Die Fremden aufnehmen.
Die Kranken besuchen.
Die Gefangenen besuchen.
Die Toten begraben..
… wurden später dann die sieben geistigen (geistlichen) Werke der Barmherzigkeit hinzugefügt:
Die Unwissenden lehren.
Den Zweifelnden recht raten.
Die Betrübten trösten.
Die Sünder zurechtweisen.
Die Lästigen geduldig ertragen.
Denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen.
Für die Lebenden und die Toten beten.
Wir versuchten jede für sich jeweils ein leibliches Werk einem geistlichen Werk zuzuordnen. Interessant war für uns, dass wir dabei viele Übereinstimmungen unter uns hatten. In Melk hatte uns Dr. Sepp Winklmair die sieben neuen Werke der Barmherzigkeit von Bischof Wanke vorgestellt.
Du gehörst dazu.
Ich höre dir zu.
Ich teile mit dir.
Ich rede gut über dich.
Ich gehe ein Stück mit dir.
Ich besuche dich.
Ich bete für dich.
In einem weiteren Schritt ordneten wir nun auch diese neuen Werke den leiblichen Werken der Barmherzigkeit zu. Hier gab es keine Übereinstimmungen unter uns bei der Zuordnung. Im Gespräch zeigte sich, dass unsere eigenen Erfahrungen dabei eine große Rolle spielten.
Diese Übung für sich selbst zu machen, kann ganz neue Zusammenhänge aufzeigen und war für uns auch der Anlass nachzudenken und einander mitzuteilen, wo wir derzeit unsere jeweilige Aufgabe sehen.
  Susanne Kopeszki (RB der BG/PHH der ED Wien 2/2016)